Der sechste Tag zerstörte die letzte Hoffnung, dass sich die Flut so schnell verziehen würde, wie sie gekommen war. Das Wasser sank gerade einmal einen Zentimeter pro Stunde. Ein kaum wahrnehmbarer Fortschritt, der uns die schier unendliche Geduld abverlangte. Als wir die ersten Bereiche genauer in Augenschein nehmen konnten, zeigte sich das schreckliche Ausmaß: Schlamm gab es bei uns kaum, aber dafür umso mehr Treibgut und vor allem das klebrige Öl, das sich hartnäckig an alle Straßen und Mauern heftete. Besonders dramatisch zeigte sich nun der sogenannte „Badewanneneffekt“ innerhalb unseres Ringdeiches. Während der Wasserstand außerhalb des Schutzrings bereits stark gefallen war, stand das Wasser im Ort selbst noch hoch wie in einer geschlossenen Wanne. Die zum Schutz errichteten Sandsäcke blockierten den natürlichen Rückfluss, und das standardmäßige Ablassventil war für eine Katastrophe dieser Dimension viel zu klein dimensioniert. Das Wasser war im Ort gefangen und konnte von allein schlicht nicht entweichen. Mitten in dieser angespannten Lage machten sich der Landrat, der Bürgermeister und Vertreter des Krisenstabs persönlich ein Bild der Lage. Mit einem Boot der DLRG gelangten sie in den Ort, um die Schäden zu begutachten und direkt vor Ort mit uns Einsatzkräften sowie den betroffenen Bewohnern zu sprechen. Dabei kam es zu teils hitzige und nervenaufreibende Diskussionen mit den Behörden, um endlich die nötigen Schritte zur Entwässerung freizugeben. In dieser kritischen Phase bewiesen unsere lokalen Landwirte einmal mehr ihren unschätzbaren Wert: Sie fuhren ihre massiven Hochleistungspumpen auf – Maschinen, die normalerweise für riesige Beregnungsanlagen oder die landwirtschaftliche Wasserentnahme genutzt werden. Tag und Nacht, ununterbrochen, pressten diese Kraftpakete das Wasser aus dem Kessel. Und tatsächlich: Nach Stunden des bangen Wartens begann der Pegel im Ort sichtbar zu sinken. Tag 6 endete für uns mit einer tiefen Erschöpfung, aber auch mit einem ersten Hauch von vorsichtiger Hoffnung. Das Wasser wich, die Pumpen liefen auf Hochtouren, und allen war klar, dass nun der eigentliche, schwere Kampf gegen das Öl und die Zerstörung begann.
